Die Tat, das Opfer und der Täter
In den letzten Wochen habe ich bereits mehrere Anläufe unternommen, den Text „Kinder können grausam sein!“ zu Ende zu schreiben. Das Problem war, dass ich mir selber nicht ganz klar darüber war, was ich denn genau mit diesem Text zum Ausdruck bringen wollte. Und je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr sah ich mich in eigenen Widersprüchlichkeiten verwickelt. Warum habe ich diesen Text geschrieben? Eigentlich ist es die banale Aussage, dass Kinder, die von anderen Kindern körperlich und seelisch gequält werden, genauso Opfer sind, wie Kinder, die von Erwachsenen gequält werden. Ich kann da für mich erstmal keinen sonderlichen Unterschied feststellen; die seelischen Wunden, die da geschlagen wurden, sitzen bei mir genauso tief.
Diese Wertung ist für mich dennoch problematisch: dadurch, dass ich mir zugestehe, mich als Opfer zu fühlen, werte ich die „Tat“ als entsprechend schlimm, und von dort ist es nicht weit, die „Täter“ als entsprechend bösartig zu werten. Hier befinde ich mich in dem Dilemma, Kinder genauso zu be- und verurteilen wie Erwachsene, was in gewisser Weise absurd ist. Aus diesem Dilemma gibt es für mich auch nur einen gedanklichen Ausweg: Eine Tat hat immer zwei Aspekte, die einerseits zwar eng zusammengehören, andererseits aber getrennt betrachtet werden müssen. Zum einen steht da die Frage, wie sehr ein Opfer geschädigt oder traumatisiert ist durch eine Tat, zum anderen die Fragen, die Verantwortlichkeit und Motive eines Täters betreffen.
Im Grunde genommen ist nicht mal eine Tat eines Menschen notwendig, dass ein anderer Mensch zum Opfer wird. So können Menschen auch durch Naturkatastrophen großen Schaden erleiden und traumatisiert werden. Ein Opfer hat Anspruch auf Hilfe, und zwar unabhängig davon, ob es einen Täter gibt oder nicht, ob es sich um Vorsatz handelt oder um einen Unfall, welche Motive ein Täter hat, oder wie alt ein Täter ist. Das Maß der Hilfe hängt davon ab, wie sehr das Opfer geschädigt ist, und inwieweit es in der Lage ist, sich selbst zu helfen. Auf der anderen Seite ist ein Täter auch dann zur Rechenschaft zu ziehen, wenn er lediglich den Versuch unternommen hat, eine Tat zu begehen, ihm dieser Versuch aber misslungen ist, so dass es kein Opfer gibt (wobei zu berücksichtigen ist, dass ein potentielles Opfer durch die Kenntnisnahme eines solchen Versuches auch traumatisiert werden kann).
Eine Tat muss aus meiner Sicht auf zweierlei Weise bewertet werden, und hieraus ergeben sich auch immer zwei verschiedene Konsequenzen: Hilfe für das Opfer, die dessen Hilfebedürftigkeit berücksichtigen, und Konsequenzen für den Täter, die dessen Verantwortlichkeit berücksichtigen. Dies klingt banal, ist es aber scheinbar doch nicht. Denn hier komm ich auf meinen Text „Kinder können grausam sein!“ zurück. Beim Lesen könnte man zu dem Schluss gelangen, dass ich über Verletzungen aus der Kindheit schreibe und dabei Kinder anklage, die diese verursacht haben. Das eine muss aber nicht zwangsläufig aus dem andern geschlossen werden, und dies ist auch gar nicht notwendig!
Das, was mir die Kinder angetan haben, war schrecklich, ich möchte mich da nicht länger selbst zensieren, und dies genauso aussprechen, wie die Verletzungen, die mir Erwachsene zugefügt haben. Den Spruch „Kinder können grausam sein!“ habe ich sehr oft gehört in meinem Leben, aber an eine tieferen Auseinandersetzung mit diesem Thema kann ich mich nicht erinnern. Und eine Auseinandersetzung muss hier auch wieder auf zweierlei Weise geschehen: zum einen mit dem Opfer, zum andern mit dem Kind, das anderen seelischen oder körperlichen Schaden zufügt. Man muss allerdings bei letzterem berücksichtigen, dass es sich um ein Kind handelt, das bei weitem nicht die Verantwortlichkeit entwickeln kann, die man von einem Erwachsenen erwarten darf, und dass sein Verhalten wohl auch auf Umstände zurückzuführen sind, die es zu einem Opfer machen, das infolge dessen vor allem Anspruch auf Hilfe hat.
Wieder gebe ich scheint's Banalitäten wider, aber sie sind es nicht, zumindest für mich nicht. Wie oft spricht man von der Schwere einer Tat, und lässt dabei offen, ob der psychische, körperliche oder materielle Schaden gemeint ist oder ob man dies moralisch oder juristisch meint in bezug auf den Täter? Das sind zwei paar Schuhe, die zusammengehören, aber dennoch unterschiedlich sein können. Großer Schmerz auf der einen Seite bedeutet nicht zwangsläufig große Schuld auf der anderen Seite und setzt diese auch nicht zwingend voraus.
Ich muss mir selbst gegenüber eingestehn, dass ich mit dem Text „Kinder können grausam sein!“ für mich selbst die Berechtigung einforder, mich als Opfer fühlen zu dürfen. Das ist wohl auch ein Grund, warum es mir so schwer fiel, diesen Text zu schreiben. Ich habe in meinem Text Identität als Opfer? noch weitgehend verneint, mich als Opfer zu sehen. Aber im Erinnern und im Rückblick auf Vergangenes komm ich dann gar nicht umhin, mich als Opfer zu empfinden. Und da merke ich jetzt, wie sehr das auch eine Gefühlssache ist, die sich nicht so einfach vom Verstand lenken lässt, zumal ich meine Gefühle auch gar nicht mehr zensieren möchte. Da sind die Angst, die Ohnmacht, unterdrückte Wut, die ich heute immer noch mit mir rumschleppe.
Wut kommt auch auf bei einem Satz wie: „Aber es waren doch nur Kinder!“. Das Problem bei diesem Satz ist, dass er so verstanden werden kann, dass er die beiden Aspekte der Tat gleichsetzt: es waren „nur“ Kinder, folglich kann es für das Kind, das von diesen gequält wurde, auch nicht so schlimm gewesen sein. Auch der Satz „Kinder können grausam sein!“ enthält eine Doppelbotschaft, bzw. kann so verstanden werden: „ja, das ist leider so, aber da kann man leider nichts machen, sind halt Kinder. Wir brauchen darüber also gar nicht weiter zu reden.“ Wie sich das Opfer fühlt, spielt dabei anscheinend eine untergeordnete Rolle, und dieses Nicht-Sehen des Opfer-Aspektes ist ja auch im allgemeineren Sinne verbreitet in unserer Gesellschaft: Die Reaktion auf eine durch die Medien verbreitete Tat erfolgt zwar prompt durch den Ruf nach härteren Strafen für die Täter. Über die Opfer dagegen verliert man dann schon weniger Worte, denn eine Auseinandersetzung mit ihnen ist nunmal auch etwas mühevoller.
Meine Wut empfinde ich, wenn ich sie überhaupt empfinde, auch nicht so sehr gegenüber den kleinen Machos von damals, die mich gequält haben. Nein, wütend machen mich die erwachsen gewordenen Machos, die zwar am Stammtisch darüber diskutieren, welche Strafe man Tätern zuteil werden lassen soll, aber insbesondere Männer verachten, die mit psychischen Problemen wie Ängsten kämpfen müssen, die mit einer solchen Tat in der Kindheit durchaus ursächlich zusammenhängen können. Ich muss mich mit diesen Problemen auseinandersetzen, die mir andere eingebrockt haben, Jungen, die ihre Wut an Schwächeren ausgelassen haben. Was ist mit den erwachsen gewordenen Prüglern, setzen sie sich heute damit ernsthaft auseinander? Oder sitzen sie an ihren Stammtischen, und lassen sich zwischen zwei Glas Bier dumm und feige über Schwächere aus?
Wenn man von diesen Stammtischkreisen mal absieht, werden in unserer Gesellschaft Probleme psychischer Natur zwar leichter anerkannt, wenn man einen „Grund“ hat, wie eine Traumatisierung durch sexuellen Missbrauch oder Misshandlungen in der Kindheit; Voraussetzung ist dann allerdings, dass man sich dahingehend auch outet. Und wer einen solchen Grund nicht vorweisen kann, hat sowieso am wenigsten Berechtigung zu psychischen Problemen.
Die Spuren der Vergangenheit kann ich – leider – nicht so einfach ablegen; ich wünschte, ich könnte es. Aber meine Probleme von heute bestehen auch unabhängig von ihren Ursachen. Ich versuch mich von dem zu lösen, was war, um auch in meinen Gefühlen nicht mehr Opfer zu sein. Allerdings muss ich dazu auch erst meine Vergangenheit verstehen lernen, mir selbst die verletzten Gefühle eingestehen, und mir schließlich zugestehen, diese auch auszusprechen. Und das war dann auch mein Beweggrund, den Text „Kinder können grausam sein!“ zu schreiben.
Ich glaube, eine Auseinandersetzung mit dem Thema ist für mich noch lange nicht beendet. Ich habe für mich gemerkt, dass eine beantwortete Frage oft zwei neue aufwirft. Zudem seh ich auch Texte, die ich vor einiger Zeit geschrieben habe, heute mit andern Augen als damals. Oft sind es auch die Gedanken anderer, die mich weiterbringen, oder auch auf Widersprüchlichkeiten aufmerksam machen. So ist auch dieser Text für mich nur eine Art Momentaufnahme, aber eine, auf der ich vielleicht etwas besser in folgenden Auseinandersetzungen mit mir selbst aufbauen kann.