Jörgs Homepage zum Thema Angst

Selbsthilfe in der Gruppe
- Einige Grundvoraussetzungen -

Gleich vorneweg: dies ist kein allgemeingültiger Leitfaden für Selbsthilfegruppen, auch wenn dies der Titel dieses Textes nahelegt. Ich habe mehrere Jahre an einer Selbsthilfegruppe (für Angst- und Panikerkrankungen) aktiv teilgenommen, und möchte an dieser Stelle einige Punkte zusammentragen, die aus meiner Sicht für die Selbsthilfe in einer Gruppe wichtig sind. Da diese Punkte auf meinen persönlichen, subjektiven Erfahrungen beruhen (positive wie negative), sind sie im einzelnen nicht ohne weiteres übertragbar auf jede beliebige Gruppe. Jede Gruppe ist verschieden, so wie die Zusammensetzung, die Themen oder die Zielsetzung der Gruppen verschieden sind. Vielleicht aber dient das Résumé, das ich hier für mich ziehe, in dem einen oder anderen Punkt auch als Anregung für andere, die eine Selbsthilfegruppe gründen möchten.

1. Verbindliche Regeln

Meiner Meinung nach braucht eine Selbsthilfegruppe verbindliche Regeln, z.B. was die Regelmäßigkeit der Treffen anbelangt. Ein komplettes Regelwerk ohne Hinterfragen zu übernehmen, halte ich nicht für empfehlenswert: die Gruppe sollte vielmehr für jede einzelne Regel besprechen, ob diese für die Gruppe Sinn macht oder nicht. Darauf sollten sich dann schließlich auch alle verbindlich einigen. Verbindlichkeit heißt nicht, dass man sich in alle Ewigkeiten einer unabänderlichen Regel unterwirft, auch wenn diese sich zwischenzeitlich als untauglich erwiesen hat. Wenn man nicht mehr von einer Regel überzeugt ist, sollte man sie allerdings nicht stillschweigend unterlaufen, sondern seine Bedenken in der Gruppe ansprechen.

2. Verschwiegenheit

Auch wenn es als selbstverständlich erscheint, sollten sich alle Mitglieder der Selbsthilfegruppe ausdrücklich darauf verpflichten, Verschwiegenheit zu wahren, über das, was in der Gruppe besprochen wird. Es mag banal erscheinen, sich dazu zu verpflichten, doch erst so kann das nötige Vertrauen entstehen, über Probleme zu sprechen, über die man außerhalb der Gruppe nicht in der Lage ist zu sprechen. So banal ist es häufig auch gar nicht, die erforderliche Verschwiegenheit zu wahren, vor allem dann, wenn gemeinsame Bekanntschaften außerhalb der Gruppe bestehen. Eine Grenze zu ziehen ist dann nicht immer ganz einfach, Vertrauliches und Nicht-Vertrauliches sind nicht immer eindeutig zu trennen. Hier ist es, denke ich, im Zweifelsfall wichtig nachzufragen, was genau man nicht nach außen tragen sollte, wo genau die Grenze zu ziehen ist.

3. Gruppe in der Gruppe?

Genauso, wie Vertrauliches nicht nach außen getragen werden sollte, sollte auch alles Wichtige in der gesamten Gruppe besprochen werden. Nicht selten entstehen engere Freundschaften einzelner Gruppenmitglieder auch außerhalb der Gruppe, was an sich nicht verkehrt ist. Gespräche aber, die die ganze Gruppe betreffen, sollten auch in ihr geführt werden, nicht außerhalb, unter Ausschluss einzelner Gruppenmitglieder. Dies würde nämlich über kurz oder lang dazu führen, dass sich einzelne Gruppenmitglieder ausgeschlossen fühlen, oder als Gruppenmitglieder zweiter Klasse. Besonders zu vermeiden sind Gespräche über ein Gruppenmitglied in dessen Abwesenheit; bei Unstimmigkeiten sollte man immer die betreffende Person direkt ansprechen.

4. Verantwortung für die Gruppe

Die Gruppe lebt durch das Engagement der Einzelmitglieder. Jeder trägt Verantwortung für sich selbst - und für die gesamte Gruppe. Eine Selbsthilfegruppe, die dauerhaft nur von einigen wenigen getragen wird, in der sich ein Teil der Mitglieder tragen lässt durch das Engagement des anderen Teils, droht über kurz oder lang an diesem Ungleichgewicht zu zerbrechen.

5. Verantwortung (nur) für sich selbst

Jedes Gruppenmitglied trägt die Verantwortung für sich selbst. Das heißt, dass man letztendlich seine Probleme selbst lösen muss (oder mit professioneller Hilfe, z.B. eines Therapeuten), die Selbsthilfegruppe kann da nur Anregungen geben zur Problemlösung. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass man selbst nicht die Probleme anderer lösen kann. Im Idealfall spricht jeder in der Gruppe in der ich-Form, über die eigenen Gefühle und Probleme, nicht in der man-Form, was andere tun sollten (also nicht in der Form, in der ich grad diesen Text schreibe ;-)). Man kann zwar seine Meinung auch in der ich-Form äußern, ohne Anspruch auf Absolutheit ("ich habe das Gefühl, dass du..."), im allgemeinen sind im Gruppen-Gespräch aber vor allem Fragen hilfreich, wenn es sich um das Problem eines anderen handelt.

6. Selbsthilfegruppe und Therapie

Eine Selbsthilfegruppe ersetzt keine Therapie, sie kann sie aber sehr gut ergänzen. Auf der einen Seite steht die professionelle Hilfe, die über die Selbsthilfe hinausgeht, auf der anderen Seite das Gespräch mit ähnlich Betroffenen. Das Gefühl, nicht allein zu sein mit seinen Problemen, verstanden zu werden, weil der andere das Problem selbst kennt (nicht nur theoretisch wie ein Therapeut), von anderen Anregungen zu bekommen, wie sie mit den Problemen umgehn, das sind Dinge, für die es sich lohnt, in eine Selbsthilfegruppe zu gehen.

© 2002 by Jörg