Tag-Alpträume
In der Mensa
In der Mensa. Versunken sitze ich da, den Lärm um mich herum abgeschaltet. Lange genug hatte ichs ja trainiert, bevor ich dort überhaupt einen Bissen herunterbekam.
Direkt neben mich setzen sich vier Frauen, die sich lauthals auf Italienisch unterhalten. Sie standen schon in der Essensschlange hinter mir, was mich da bereits nervös gemacht hatte. Ich versuch, ruhig weiter zu essen. Worüber sie sich da wohl gerade unterhalten? Und so laut lachen? Immer mehr gehen ihre Gespräche in lautes Gelächter über. In meinem Kopf schallt das Gelächter wieder, vielleicht war ich in der Essensschlange schon aus Angst wieder so verkrampft, dass ich mich irgendwie komisch bewegt habe. Lachen sie über mich? Ich trau mich schon gar nicht mehr, hinüberzuschauen, bloß keine Aufmerksamkeit erregen! Das Lachen wird lauter, und ich schnappe das Wort tedesco auf. Sie lachen über mich? Das kann nicht sein, die Angst spielt mir da was vor! Ich versuche ganz ruhig weiter zu essen, Bissen für Bissen, ganz konzentriert, dass ich mich aus Angst nicht noch verschlucke. Das wäre jetzt der Gipfel der Peinlichkeit. Versuchen, den Lärm um mich, das schallende Lachen, diese Reizflut noch stärker ausszuschalten, auch wenn es noch so schwer ist. Auch das Wort tedeschi kommt nochmals in noch größerer Eindringlichkeit an meine Ohren, und das Lachen hört nicht auf, steigert sich noch zum schallenden Gelächter einer Frau. Ich versuch mich nur noch auf das Essen zu konzentriern, Bissen für Bissen, wie ein Roboter, mit starrem Blick auf den Teller. Und bloß keinen Fehler machen, hochkonzentriert, soweit es die äußern Umstände möglich machen, mich aus einer Panik heraus nicht zu verschlucken.
Irgendwann räumen die Italiennerinnen ihre Tabletts ab und entfernen sich - immer noch lachend. Es vergeht einige Zeit, bis ich merke, dass die riesige Anspannung, die sich aufgebaut hat, ganz langsam von mir weicht. Nun, da das schlimmste überstanden ist, macht das Essen nicht mehr ganz soviel Mühe. Als ich zum Nachtisch greife, bin ich schon fast wieder entspannt. Es gibt Eis mit Cappuccino-Geschmack. Cappuccino?
In der Uni
Verschlafen! Keine Zeit mehr was zu essen, einen Kaffee zu trinken, oder unter die Dusche zu springen, sonst verpass ich den Bus zur Uni.
Schlaftrunken und gleichzeitig doch innerlich abgehetzt, komm ich pünktlich zur Übung. Außer mir nur eine Studentin, und der Professor, alle anderen krank? Ich hab die Übungszettel vergessen, muss mich also neben die Studentin setzen, um bei ihr reinschaun zu können. Sie schiebt den Zettel lächelnd in meine Richtung und rückt ein Stück an mich ran. Panik steigt auf. Ich nehme ihr Parfüm wahr, und mir schießt durch den Kopf, dass ich es heute morgen nicht geschafft habe, zu duschen. Eineinhalb Stunden dauert die Übung. Ich versuche mich auf die Übung zu konzentrieren. Im Raum ist es warm, und ich fange an zu schwitzen. Oder ist es die Angst, die mich schwitzen lässt? Oder beides? Und es riecht langsam unangenehm, ist das Einbildung? Nein, es wird immer schlimmer, bloß nicht bewegen, um den Geruch, der durch das Schwitzen auch noch schlimmer wird, zu verbreiten. Und die Frau sitzt direkt neben mir, und wird wohl aus reiner Höflichkeit nichts sagen. Konzentrieren auf die Wörter und Sätze in der Übung, auf das, was der Professor redet, das ist alles was mir bleibt, und bloß nicht zu sehr bewegen. Eineinhalb Stunden. Zwischendurch dringt der üble Geruch immer penetranter an meine Nase.
Die Übung ist vorbei, der Professor beklagte sich abschließend noch darüber, dass er wegen der vielen Krankheitsfälle so viel reden musste. Denn er wäre auch krank, sein Hals wäre entzündet, und so hatte es ihm Mühe bereitet zu reden, eigentlich hätte er auch zuhause bleiben sollen. Nachdem er rausging, verschwand der Gestank urplötzlich. Die Frau neben mir sagte lächelnd, dass man gemerkt hätte, dass der Hals des Professors entzündet war, er hätte ja auch ziemlich aus dem Hals gestunken.
Im Bus
An der Bushaltestelle vor der Klinik. Habe Späturlaub, um in die Stadt zu fahren.
Entspannt sitze ich dann im Bus - bis dieser für mich völlig unerwartet in eine andere Richtung abbiegt. In den falschen Bus eingestiegen? Das kann nicht sein! Doch Panik hat mich längst ergriffen, wie festgenagelt sitz ich da, nicht in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen. Der Bus fährt über die Dörfer. So langsam dämmert es mir, dass es sich um den Samstagsbus handelt, der zwar in die Stadt fährt, aber einen riesigen Umweg macht. Ein wenig macht sich Erleichterung breit. Oder irre ich mich da vielleicht doch? Eine Horde Jugendlicher steigt in den Bus ein. Setzen sich hinter mir, vor mir und die Reihe neben mich. Und schon ist der Bus mit Lärm erfüllt. Ich schau krampfhaft nur noch in eine Richtung, nach draußen. Der Bus fährt immer noch von der Stadt weg, wenn ich mich jetzt geirrt habe? Aussteigen mitten in der Walachei? Dazu wäre ich auch gar nicht mehr in der Lage, wie angewurzelt sitze ich auf meinem Sitz und starre durch das Fenster, umwoben vom Lärm der Jugendlichen, die sich schon mal auf ihre Tour durch die Stadt einzustimmen scheinen. Ich fange an zu schwitzen. Und habe auf einmal starken Harndrang. Immer stärker werdend. Wie lange dauert die Fahrt, wenn dieser blöde Bus über alle Dörfer fährt? Immer mehr Energie verwende ich darauf, den Harndrang zurückzuhalten, während es um mich immer lauter zu werden scheint. Fährt der Bus nun schon in Richtung Stadt? Ich kenne mich in der Gegend schon gar nicht mehr aus. Die Hose fühlt sich nass an? Das kann nicht sein! Vorsichtig schau ich nach unten, und irgendwo scheint meine Jeans an der Stelle dunkler auszusehn. Oder liegt es an dem Angstschweiß, dass es sich da so nass anfühlt? Riecht es nicht auch schon nach Urin? Die Jugendlichen lachen laut, ich kann schon nicht mehr wahrnehmen, worüber. Über mich, weil sie schon den Geruch wahrnehmen? Bloß nicht bewegen, um den Geruch nicht noch weiterzuverbreiten. Wieder Gelächter. Abschalten und durchhalten. Und wenn die Endstation in einem fremden Ort ist, ich völlig handlungsunfähig in meiner Panik und mit nasser Hose? Mir fällt nach einiger Zeit verzweifeltem Überlegen nur noch das Taxi ein. Das würd ich noch schaffen, eins zu rufen. Wieder Gelächter. Und immer noch Harndrang?! Ich konzentrier mich mit den wenigen Gehirnzellen, die mir noch zur Verfügung stehen, auf meinen Plan, ein Taxi zu rufen, und darauf den Harn zurückzudrängen.
Ankunft in der Stadt. Benommen steige ich aus dem Bus aus. Zwei Leute aus der Klinik, die wohl auch mit dem Bus gefahren sind, die ich aber erst jetzt bemerke, grüßen mich freundlich: "Na, auch in die Stadt?". Ich murmel eine Begrüßung zurück, und torkel in Richtung Taxistand. Nebenbei bemerke ich, dass meine Jeans knochentrocken ist, und es alles nur Einbildung war. Auch der Harndrang ist weg, als hätte es ihn nie gegeben. Völlig erschöpft steige ich in ein Taxi ein, um gleich wieder zurück in die Klinik zu fahren.