Jörgs Homepage zum Thema Angst

"Kinder können grausam sein!"

Darf man auf Kinder wütend sein, so wie man es auf Erwachsene sein darf? Früher wie heute höre ich den Satz „Jaja, Kinder können ganz schön grausam sein!“ Und damit hat es sich auch erledigt.

Für mich hat es sich leider nicht erledigt, ich würde es schön finden, wenn johlende, tobende Kinderhorden mir wenig ausmachen; Tatsache ist, dass es mir sehr viel ausmacht. Busfahrten morgens oder mittags, wenn Kinder in Massen zur Schule bzw. wieder nach Hause fahren, sind oft für mich ein reiner Horrortrip. Es sind Momente, wo sich Vergangenheit und Gegenwart in meinem Kopf vermischen.

Jungen, die lauthals andere Kinder körperlich drangsalieren, Mädchen, die lautlachend mit Worten verletzen; Lärm, der lautschallend meine dicken Mauern durchdringt, und vordringt zu tiefgeschlagenen Wunden aus meiner Kindheit.

Irgendwo ist diese Vergangenheit sehr fern; wenn ich über mich erzähle, wie ich von andern Kindern gemobbt und gequält wurde, ist es wie eine traurige Geschichte, die ich mal in einem Buch gelesen habe. Es ist so fern und hat so gar nichts mit mir zu tun, als ob es eine wildfremde Person ist. Erst die Kinder an der Bushaltestelle schaffen es, dass ich mich auf sehr reale Weise zurückversetzt fühle in den damaligen Alptraum. Ohnmächtige Wut und Angst machen sich breit, ich fühle mich dann nur noch wie ein hilfloses kleines Kind, das es nicht wagt, sich zur Wehr zu setzen, und für das das Geschrei der andern Kinder ein Vorbote ist für Schlimmeres. Es ist so, als ob die Kinder mich verhöhnen, erst als einer der besonders lauten Jungen mich als Erwachsenen höflich nach der Uhrzeit fragt, erwache ich aus dem Alptraum, den ich als kleiner Junge einst real erlebte.

Mit Abstand betrachtet, stellt sich mir die Frage, wohin soll ich mit dieser ohnmächtigen Wut? Im Hinblick auf die körperlichen und seelischen Schmerzen, die mir Erwachsene beibrachten, scheint es legitim, die Wut darüber zum Ausdruck zu bringen, da diese ja in voller Verantwortung gehandelt haben. Doch die Schmerzen waren nicht geringer, nur weil Kinder sie mir beibrachten, die in ihrem Alter noch nicht die Folgen ihres Handelns in dem Maße abschätzen konnten.

Später als Erwachsener hatten sie die Reife dazu, im Rückblick ihr eigenes Tun zu überdenken. Keiner von denen, die mich in der Schule quälten, hatte mich in späteren Jahren darauf angesprochen. Ich allerdings habe genauo wie sie das Thema gemieden; mit einem ehemaligen Schulkameraden, der zu meinen Peinigern gehörte, verstand ich mich in späteren Zeiten sogar ganz gut. Ich war nicht mehr ganz der Außenseiter, er hat sich verändert, und ich sah auch, dass er so seine Probleme hatte. ...

© 2002 by Jörg. Das Ende habe ich herausgenommen, als Fortsetzung habe ich den Text Die Tat, das Opfer und der Täter geschrieben.