Jörgs Homepage zum Thema Angst

Geheime Welten

Manchmal zieh ich mich in Phantasiewelten zurück. Welten, in denen ich der Drehbuchautor bin, sowie der Regisseur, und die Schauspieler nach meiner Pfeife tanzen. Welten, die für mich berechenbar sind, und mir so ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Ein Zufluchtsort vor der Willkür der Akteure in der realen Welt.

Es gab Zeiten, in denen ich tagelang in ihnen versunken war. Schon als Kind war ich auffällig für meine Zurückgezogenheit. Manchmal wurde es positiv vermerkt, dass ich mich ja so schön mit mir selbst beschäftigen könne, manchmal kritisiert, dass ich doch auch mal mit andern Kindern spielen solle. Stattdessen zog ich es vor, ganz für mich alleine Gebäude aus Bauklötzen zu errichten, die dann jedesmal zu meinem Entsetzen von eben diesen Kindern, mit denen ich spielen sollte aber nicht wollte, zertrampelt wurden.

Es gab wenige andere Kinder, die ich an meiner Welt teilhaben ließ, und auch dort wuchs die Kluft. Mit zunehmendem Alter schottete ich meine Phantasiewelten nach außen hin immer mehr ab, um nicht als unnormal zu gelten, und auch noch dafür verspottet zu werden, dass ich soviel in andern Welten lebe. Mehr und mehr schämte ich mich dafür, und vermied es, irgendjemand auch nur einen Teil davon zu erzählen; ich versuchte diese Welt, soweit es ging, geheim zu halten. Zugleich war sie aber auch mein wichtigster Zufluchtsort, an dem mir niemand reinredet, an dem ich auch meinen kindlichen Alltag kompensieren, der angstauslösenden Umwelt entfliehen konnte. Ein Zufluchtsort, an dem ich mich nicht gequält fühlte, weder von Erwachsenen noch von anderen Kindern.

Unterscheiden konnte ich immer zwischen realer Welt und Phantasiewelt. Am Anfang vermengten sie sich, was einem Kind ja auch zugestanden wird, später habe ich als Jugendlicher und noch mehr als Erwachsener auf eine strikte Trennung und Geheimhaltung geachtet. Diese geheime Welt hat mir viel geholfen, Dinge im realen zu ertragen. Ein längeres Verweilen in ihr war dann aber auch ein Vermeiden der realen Welt, und es gab Phasen in meinem Leben, wo diese Welten Flucht und Sucht zugleich waren; wo ich teilweise recht aggressiv wurde, wenn man mich dann störte.

Das Vermeiden der realen Welt vergrößert die Distanz zu ihr, und infolge die Angst vor ihr. Die alltäglichen Probleme werden erträglicher für den Moment der Flucht, auf lange Sicht allerdings werden ungelöste Probleme immer unerträglicher. Und schließlich kommt die Kreativität, die Phantasie, mit der ich meine geheime Welt gestalte, nicht zum Einsatz, die realen Probleme zu lösen.

Ich rede auch heute nicht im Detail über meine Phantasiewelten. Es ist ein Raum, den ich mir zugestehe, der auch immer wieder hilfreich war - wenn auch nicht in den zeitlichen Ausmaßen, die es in der Vergangenheit oft hatte. Ein Raum, den ich auch weiterhin schütze nach außen hin. Ich versuche aber langsam, die strikte Trennung Stück für Stück zu überwinden, kleine Brücken zu bauen zwische den beiden Welten, ohne meinen Zufluchtsort aufzugeben. Bestimmte Bereiche werden weiterhin tabu bleiben, aber ich merke auch, dass es mir schon hilft, Menschen denen ich vertraue, ein winziges Stück von dieser Welt zu zeigen, und dann zu erleben, dass sie mich deswegen nicht als totalen Spinner betrachten; ich empfinde dadurch die Phantasien selbst auch nicht mehr in dem Maße als Spinnereien, wie ich es lange Zeit empfunden habe, und das gibt mir Mut, diese auch ein klein wenig zur Bewältigung meiner alltäglichen Probleme einzusetzen. Es braucht wohl Zeit, Vertrauen in meine eigene Kreativität zu gewinnen. Aber wie sagt man so schön: der Weg ist das Ziel.

© 2002 by Jörg