Jörgs Homepage zum Thema Angst

Drogen: eine persönliche Bilanz

Alkohol, wohl die erste Droge, mit der ich in Berührung kam. Der Alkohol war vor allem ein Mittel, aus meiner langen Außenseiterrolle herauszubrechen. Ich gehörte auf einmal dazu, wenn ich wie die andern Jungen trank. Es hatte etwas sehr befreiendes: meine Angst, anders zu sein, verschwamm, ebenso mein Unglücklichsein. Besoffen waren alle gleich. Und die Angst in Gesellschaft zu sein, wurde von dem Alkohol betäubt. Rund zehn Jahre später wurde mir das erst bewusst, als ich nur noch gelegentlich getrunken habe. Wie schwer fiel es mir fortan, meine Stammkneipe aufzusuchen. Ich fühlte mich dort nur noch fremd, ohne die betäubende und gleichmachende Wirkung des Alkohols.

Getrunken habe ich zeitweise sehr viel, viel zu viel. Selten alleine, es war eine Droge, die ich mit andern zusammen konsumierte, um das Zusammensein zu ertragen. Soziale Phobie, die Angst vor andern Menschen, war schon lange mein Problem. Ich habe es damals nicht sehen können, und am Beginn meiner Therapie mein Trinken und das Konsumieren anderer Drogen (s.u.) versucht zu verheimlichen – was der Aufarbeitung meiner Probleme nicht gerade förderlich war. Es war nicht das eigentliche Problem, aber es war ein Symptom meiner Probleme, das diese noch verstärkte. Und gesundheitlich habe ich mir mit dem teils exzessiven Trinken keinen Gefallen getan, mein Magen dankt es mir heute noch. Körperlich abhängig geworden bin ich nicht, aber da habe ich auch sehr viel Glück gehabt.

Heute trink ich nur noch äußerst selten, auch in Gesellschaft. Und auch nur dann, wenn es mir gut geht, und nicht, um meine Angst wegzutrinken.

Nikotin, viele sehen es nicht als eine Droge. Aber ich muss für mich feststellen, dass es die einzige ist, von der ich bis heute nicht losgekommen bin. Zwei Versuche mit Alan Carr's Buch waren geglückt, aber nach ein zwei Monaten fing ich wieder an. Wenn Ängste und oder Stress aufkommen, ist der Glimmstengel der erste Strohhalm. Und Ängste sind in meinem Leben leider ein großes Problem. Die körperliche Abhängigkeit von Nikotin scheint größer zu sein als bei allen anderen Drogen, die ich konsumiert habe.

THC ist der berauschende Wirkstoff der Pflanze Cannabis. Konsumiert habe ich diese Droge vor allem in Form von Haschisch. Das erste Mal war ich einfach nur glücklich, und wollte gleich Nachschlag. Im Gegensatz zum Saufen habe ich angefangen, auch für mich alleine zu kiffen, heimlich. Da spielt sicher auch eine Rolle, dass es sich hier um eine illegale Droge handelt. THC verstärkte meine Angst, es sei denn ich war in Gesellschaft von Freunden, die mir vertraut waren und auch kifften, dann konnte es auch sehr lustig sein. Mehr und mehr konsumierte ich das Cannabis-Produkt allerdings in Zurückgezogenheit, um meine Depressionen zu mildern. Körperlich hat es bei mir bei weitem nicht so viel Schaden angerichtet wie der Alkohol, aber hier war schon eine regelrechte psychische Sucht entstanden. Und am Ende hatte sie mir auch ein paar sehr böse Trips beschert.

Gekifft habe ich schon lange nicht mehr. Ich würde es auch nur noch in netter Gesellschaft und in Maßen tun, wenn es mir tendentiell gut geht. Und da muss auch eine gute Portion Grundvertrauen vorhanden sein. Was ich nicht verstehe, ist die Kriminalisierung von Kiffern, vor allem wenn diese von Politikern in Sonntagsreden in bayrischen Bierzelten betrieben wird. Man wird der problematischen Seite von Drogen sicher nicht gerecht, wenn man eine Droge und deren Konsumenten (!) verteufelt, während man eine andere Droge gleichzeitig in eklatanter Weise verharmlost. Diese verantwortungslosen Stammtischpolitiker sollten sich doch mal genauer vor Augen führen, wieviele Menschen jährlich in unserem Land durch Alkohol umkommen oder durch Nikotin!

Amphetamine (Speed) und Kokain haben im Gegensatz zu Alkohol und Haschisch eine stark aufputschende Wirkung. Dabei werden wie in großen Stresssituationen Reserven angezapft, die der Körper normalerweise nicht zur Verfügung stellt. Das war die Phase, wo mein Leben am Tiefpunkt war. Durch Speed war meine Angst wie weggepustet. Was von der Natur allerdings nur für kürzere Zeiträume vorgesehen ist, artete in einem Raubbau des Körpers aus. In dreitägigen Sessions haben wir gesnieft, dazu Alkohol getrunken, gekifft, Kaffee getrunken, was das Zeugs hergab. Dann war der Pegel nicht mehr zu halten und es kam ein fürchterlicher Absturz. Kokain habe ich nicht so gemocht, weil zu teuer, und die Wirkung nicht lange anhielt. Irgendwann hab ich das letzte Speed in die Toilette entsorgt, danach habe ich dieses Dreckszeug nicht mehr angerührt.

LSD und Pilze (Psylos). Das waren einmalige Erfahrungen. Für mich waren sie äußerst faszinierend, aber es hätte auch anders kommen können. Man kann in keinster Weise mehr steuern, wie die Wahrnehmung verzerrt wird, welches Tor aufgestoßen wird, was für Abgründe sich dahinter verbergen. In der Klinik habe ich dann auch eine Frau kennengelernt, die wie ich einmal Psylos gegessen hat – sie hatte einen Horrotrip auf dem sie hängengeblieben war :-(.

Heroin hab ich einmal vom Blech geraucht und zum Glück hab ich mich wohl so dämlich bei angestellt, dass ich keine Wirkung verspürt habe. Das war auch der absolute Tiefpunkt in meinem Leben, wo mir sowieso alles egal war. Danach wars mir nicht mehr egal.

Tabletten, da habe ich eine eigenartige Einstellung, selbst während meiner Drogenzeit hatte ich eine große Abneigung gegen Tabletten – wenn sie vom Arzt kamen. Während unserer Speed-Sessions habe ich dann allerdings auch irgendwelche Teile geschluckt, wo ich heute nicht mal mehr weiß, was das eigentlich war.

Persönliches Fazit? Drogen haben mitunter gewaltige Schattenseiten, die ich lange Zeit nicht wahrgenommen habe, nicht habe wahrnehmen wollen. Ich habe unbewusst Drogen genommen, um Ängste und Depressionen zu mildern. Letztendlich habe ich es dadurch nur sehr viel schlimmer gemacht. Erst als mir bewusst wurde, dass ich ein Angstproblem habe, und dass es therpeutische Wege aus der Angst gibt, die mich so quälte, erst da kam dann auch langsam eine innere Bereitschaft, mich von diesen chemischen Krücken zu lösen. Sie waren nicht das eigentliche Problem, haben den Berg meiner Probleme aber enorm vergrößert.

Vor der Realität geflohen bin ich schon, bevor ich die ersten Drogen genommen habe, indem ich mich in meine Phantasiewelten zurückgezogen habe. Daneben war es auch das Fernsehen, in heutiger Zeit ist das Internet ab und an wie eine Sucht ;-) – aber ich habe die virtuellen Räume auch genutzt, mich meiner Angst gestellt im Kontakt mit anderen Menschen. Es hat alles eben seine zwei Seiten, wie chemische Drogen auch. Nur die Schattenseiten übersieht man leider häufig, und die sind bei chemischen Drogen mitunter sehr folgenreich. Und ich möchte um nichts in der Welt zurück in die Zeit, in der ich massiv Krieg gegen meinen Körper geführt, und meinen Geist sowie meine Gefühle abgetötet habe.

© 2003 by Jörg