Über den Umgang mit der Angst
Ein Satz wie "Du brauchst keine Angst haben!" sagt sehr viel mehr aus über denjenigen, der ihn äußert, als über denjenigen, an den er gerichtet ist. Der Satz ist ja sogar noch nett gemeint, im Gegensatz zu "Du hast doch nicht etwa Angst?", aber er zeigt doch, dass hier ein völlig falsches Verständnis von der Angst vorliegt. Natürlich brauchen wir Angst, die Natur hat dem Menschen diese nicht umsonst mitgegeben, als eine Art Warnsystem vor gefährlichen Situationen. Ebenso hat sie ihn aber auch ausgestattet mit anderen Gefühlen, wie z. B. Neugier oder Wut, die der Angst entgegenwirken können. Und auch mit Mut, der uns hilft, schwierige Situationen zu meistern, wenn wir uns unbewusst oder bewusst dazu entschieden haben, ein Risiko auf uns zu nehmen, um etwas bestimmtes zu erreichen. Angst, Wut, Neugier und andere innere Signale sind im Idealfall da dann nichts weiteres als verschiedene Ratgeber, die wir vor einer Entscheidung anhören. Nicht so gut ist es, wenn die Angst laut schreiend die anderen Ratgeber übertönt. Man sollte sie dann aber nicht knebeln, sondern sie in ihre Schranken verweisen, mit dem Hinweis darauf, dass man gerne ihren Rat hört, aber auch andere sollen zu Wort kommen, und eine Entscheidung trifft dann auch der Verstand mit.
Der Wunsch, überhaupt keine Angst zu haben, ist da auch eher ein unvernünftiger Wunsch, den ich allerdings auch schon sehr oft gehabt habe. Soweit ich zurückblicken kann, war mein Leben von Angst geprägt. Nein, nicht ausschließlich, oder gleichbleibend, aber doch in einem Maße, dass es mir auch zu einem großen Problem wurde. Angst vor Hunden, Höhenangst, Angst vor anderen Menschen im allgemeinen (Soziophobie), Angst vor Frauen im besonderen, Angst zu versagen etc. Die Angst wurde bei mir so laut, dass sie die Neugier und die Wut übertönte. Im Grunde genommen gibt es bei übersteigerter irrealer Angst auch keine anderen Weg, als sich diesen Ängsten zu stellen, durch Konfrontation mit den realen Gegebenheiten. Allerdings sollten auch die Ursachen für eine übersteigerte Angst nicht außer Acht gelassen werden. Als Kind wurde ich bestraft, wenn ich meine Wut zeigte, zurück blieb am Ende nur die Angst, wenn ich doch im Grunde genommen wütend war. Heute lerne ich auch langsam meine Wut wahrzunehmen, was ich lange Zeit nur sehr schwer konnte. Auch meine Neugier auf das Leben, die zeitweise sehr stark erlahmt war, hat wieder zugenommen. Und so entsteht allmählich auch wieder ein Gleichgewicht zwischen diesen einzelnen Gefühlen, den inneren Ratgebern.
Als Kind konnte ich meine Angst kaum verbergen, was dann auch dazu führte, dass ich in der Schule auf der untersten Stufe der Hackordnung unter den Jungen landete. Jungen und später Männer dürfen eh keine Angst zeigen, aber auch bei den Vertretern des weiblichen Geschlechts kommt dieses Verhalten immer mehr in Mode, je mehr sie sich emanzipieren. Aber warum verbergen die Menschen untereinander so sehr ihre Angst? Weil wir alle einander Konkurrenten sind in der wettberbsorientierten westlichen Gesellschaft? Eine Gesellschaft, in der unter phobische Erkrankungen allein in Deutschland nach einigen Schätzungen bis zu 8 Millionen Menschen leiden. Nur sieht man davon kaum was, und wo es deutlich wird, da trifft derjenige oft auf Unverständnis, oder wird nicht mehr für ganz voll genommen.
Auch ich habe mehr und mehr gelernt meine Angst zu verbergen, und tue es auch heute noch, wenn ich auch hier und da versuche, ein klein wenig diese Maske abzulegen. Es kostet mich auch oft wahnsinnige Energie, diese Maske überhaupt aufrecht zu erhalten. Immerhin nehme ich heute meine Angst bewusst wahr, nach jahrelanger Therapie, nachdem ich zeitweise kaum noch das Haus verlassen konnte. Und erst dieses Bewusstsein gibt mir auch die Möglichkeit, konstruktiv mit angstauslösenden Situationen umzugehen.
In der Selbsthilfegruppe habe ich dann andere Menschen kennengelernt, die ein Angst-Problem haben, von denen ich es dem äußeren Anschein nach nie angenommen hätte. Und da wurde mir auch bewusst, dass man mir es auch nicht so oft ansieht, wie ich glaube. Auch meine Maske habe ich mir unbewusst angeeignet, was es dann auch schwieriger macht, sie abzulegen. Es ist auch die Angst, wegen der Angst verspottet zu werden, die diese Maske mit ausgebildet hat. Und so ganz ohne ist es ja auch nicht. In den Momenten, wo meine Angst zur Panik wurde, reagieren viele Mitmenschen sehr aggressiv. "Stell dich nicht so an, du bist doch keine Frau!". Als Frau dürfte ich Panik schon eher zeigen, würde da wohl aber auch sehr schnell von einigen Leuten zur Hysterikerin abgestempelt. Als Mann wird man von vielen dann überhaupt nicht mehr vollgenommen. Früher hat mich sowas unendlich getroffen, heute weiß ich zumindest vom Kopf her, dass solche Reaktionen eher dadurch zustande kommen, dass der andere mit seinen eigenen Ängsten konfrontiert wird. Entschuldigung für diese Zumutung!
Früher hab ich mich selbst oft als Feigling erlebt. Ich wurde ja auch oft genug als solcher bezeichnet. Aber die Menschen, die andere als Feiglinge beschimpfen, haben da wohl eher ein Problem mit sich selbst. Es gehört schon viel Mut dazu, seine eigene Angst zu sehen, den sie selbst anscheinend noch nicht aufbringen können. Denn würden sie ansonsten so aggressiv auf die Angst anderer reagieren, als ob Angst eine ansteckende Krankheit wäre? Nein ansteckend ist sie nicht, und wir haben sie bereits alle, und man kann auch lernen, damit umzugehn. Und wenn man Mut als das Gegenteil von Feigheit nimmt, so sind diejenigen Menschen mutig, die sich ihrer Angst stellen. Nicht diejenigen, die meinen, überhaupt keine zu haben.
PS: Ich bin manchmal auch nicht ganz begeistert, wenn Menschen sich dauerhaft ihrer Angst nicht stellen, auch wenn ich selbst das lange Zeit nicht gemacht hatte. Wenn jemand aber jemand anderen herabsetzt, nur weil man diesem seine Angst ansieht, so habe ich nicht das geringste Vertständnis dafür.